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Die Bedeutung von Ernest Hemingway: Messung der literarischen Popularität und Wirkung anhand von WorldCat-Daten

Brian Lavoie, OCLC Research /
Illustration eines alten Mannes in einem Segelboot in einem stürmischen Meer
Illustration eines alten Mannes in einem Boot auf dem Meer

Laut einem kürzlich erschienenen Artikel in The Economist ist Ernest Hemingway der berühmteste amerikanische Romanautor des 20. Jahrhunderts. Welche Beweise gibt es dafür? Im Artikel werden unter anderem die Zugriffszahlen auf Wikipedia erwähnt und konstatiert, dass Hemingways Seite in den letzten zehn Jahren mehr als 30 Millionen Aufrufe erzielt hat (der zweitplatzierte Autor, F. Scott Fitzgerald, erreichte weniger als die Hälfte dieser Gesamtzahl). Aber ist dies wirklich die zuverlässigste Datenquelle, um die Popularität eines Autors/einer Autorin zu verstehen, und können uns Bibliothekskatalogdaten ein umfassenderes Bild liefern?

Popularität, Ruhm oder allgemeines Interesse lassen sich auf vielfältige Weise messen, doch für Autor*innen und ihre literarischen Werke sollten die Daten aus Bibliothekskatalogen nicht außer Acht gelassen werden. Bibliotheken sammeln die weltweit veröffentlichten Werke, und ihre Entscheidungen zur Übernahme von Werken in ihren Bestand bieten in ihrer Gesamtheit einzigartige Einblicke in die anhaltende Relevanz und sogar Popularität von Werken und Autor*innen.

Während der Bibliothekskatalog einer Bibliothek die Entscheidungen zur Bestandsentwicklung einer einzelnen Bibliothek dokumentiert, bieten Tausende von Bibliothekskatalogen in ihrer Gesamtheit einen Einblick in das Gesamtbild der veröffentlichten Werke. Wenn eine Publikation – sei es ein Buch, eine Zeitschrift, ein Film oder ein anderes Format – verfügbar wird, stehen die Chancen gut, dass mindestens eine Bibliothek sie erwirbt. Wenn eine Publikation in den Bestand einer Bibliothek aufgenommen wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie auch in der WorldCat-Datenbank von OCLC erfasst wird, der weltweit größten Informationsquelle für die globalen Bibliotheksbestände. WorldCat enthält bibliografische Informationen zu mehr als 600 Millionen verschiedenen Publikationen, die mehr als 3,5 Milliarden Bibliotheksbestände weltweit repräsentieren.  

Bedeutung messen

Kehren wir zu Hemingway zurück. Auf dem ersten Reiter der interaktiven Grafik unten sind die gesamten Seitenaufrufe bei Wikipedia zwischen 2015 und 2025 angegeben, die von The Economist für Hemingway und eine Auswahl amerikanischer Autoren des 20. Jahrhunderts ermittelt wurden.

Was sagt uns die Zahl der Seitenaufrufe bei Wikipedia? Es lässt sowohl auf ein insgesamt großes Interesse an Hemingway (rund 3,2 Millionen Seitenaufrufe pro Jahr) als auch ein stärkeres Interesse im Vergleich zu den anderen in der Rangliste aufgeführten Autor*innen schließen, deren Gesamtzahlen zwischen etwa 700.000 und 1,5 Millionen Aufrufen pro Jahr liegen.

Auf dem zweiten Reiter der Grafik sehen wir eine Rangliste derselben Autor*innen nach dem Gesamtbestand ihrer jeweiligen Werke in Bibliotheksbeständen auf der ganzen Welt, wie er in WorldCat dargestellt ist.

Was sagen uns die gesamten Bibliotheksbestände? Ein Bibliotheksbestand stellt die Entscheidung einer Bibliothek dar, ein bestimmtes Werk – genauer gesagt, eine bestimmte Publikation eines Werkes – in ihren Bestand aufzunehmen. Jeder Bestand bestätigt, dass das Werk wichtig genug ist, um in den Bibliotheksbestand aufgenommen und erhalten zu werden.

Aus dieser Perspektive bleibt Ernest Hemingway zwar immer noch an der Spitze, doch sein Vorsprung vor dem nächstplatzierten Konkurrenten schrumpft deutlich. Zudem hat sich die Rangfolge hinter Hemingway im Vergleich zu den Gesamtzugriffszahlen auf Wikipedia erheblich verschoben. Zum Beispiel hat Steinbeck, nicht Fitzgerald, jetzt die zweithöchste Gesamtzahl. Sylvia Plath, die in Bezug auf die Seitenaufrufe bei Wikipedia auf Platz drei rangiert, fällt hinsichtlich der weltweiten Verbreitung ihrer Werke auf den letzten Platz der Liste zurück.

Diagramm-Auswahl

Über Autor*innen

Ranglisten von Autor*innen nach den weltweiten Beständen ihrer Werke können zu einer Verzerrung zugunsten von Autor*innen mit einem größeren Werkbestand führen. Eine weitere Möglichkeit, das Interesse an Autor*innen anhand von Bibliotheksdaten zu ermitteln, besteht darin, den Gesamtbestand an Werken über jeden Autor/jede Autorin zusammenzufassen – einschließlich Biografien, Filmen, literarischen Analysen usw.

Die Anzahl der Bestände an Werken über Autor*innen gibt Aufschluss über deren Bedeutung. Während die Zugriffszahlen auf Wikipedia möglicherweise ein vorübergehendes Interesse an einem Autor/einer Autorin widerspiegelt (ausgelöst beispielsweise durch den Jahrestag der Veröffentlichung eines gefeierten Werkes) oder sogar ein länger anhaltendes allgemeines Interesse an einer faszinierenden Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, könnte der Gesamtbestand an Werken über einen Autor/eine Autorin auf einen nachhaltigen Einfluss auf das kulturelle Erbe hindeuten. Möglichkeiten dafür sind ein starker Einfluss auf andere Schriftsteller, die Anerkennung seiner/ihrer Werke als Teil eines anerkannten literarischen Kanons oder sogar Kontroversen um die Schriften des Autor/der Autorin.

Diese Faktoren könnten Wissenschaftler*innen zu Literaturkritiken, Historiker zu Biografien und Filmemacher zu Filmen inspirieren, die sich um den Autor/die Autorin und seine/ihre Werke drehen.

In diesem Sinne können die weltweiten Bibliotheksbestände an Werken über einen Autor/eine Autorin ein außergewöhnlich starker Indikator für den Einfluss eines Autors/einer Autorin auf das kulturelle Erbe sein, sogar noch mehr als die Aufrufe bei Wikipedia oder die weltweiten Bibliotheksbestände an Werken des Autors/der Autorin. Dieser Perspektivwechsel verändert die Rangliste, wie im dritten Reiter der Grafik dargestellt: Im Gegensatz zu den ersten beiden Messungen fällt Hemingway auf den zweiten Platz zurück, Faulkner steigt auf den ersten Platz auf und Morrison klettert in der Rangliste auf den dritten Platz.

The Library 100

Vor einigen Jahren veröffentlichte OCLC die Library 100 – eine Rangliste der am weitesten verbreiteten Romane in Bibliotheksbeständen weltweit. Die Liste basierte auf Daten von WorldCat, und Don Quijote belegte am Ende den Spitzenplatz als der am weitesten verbreitete Roman.

Wie viele Werke von Hemingway und den anderen Autor*innen unserer Liste schafften es in die Library 100-Liste? Der vierte Reiter in der Grafik liefert die Antwort. Unter den Autor*innen unserer Liste ist Fitzgerald derjenige mit dem am höchsten platzierten Roman (Nr. 34, Der große Gatsby). Steinbeck belegt den zweiten Platz (Nr. 41, Früchte des Zorns) und Hemingway den dritten (Nr. 50, Der alte Mann und das Meer). Kein anderer Autor/Keine andere Autorin unserer Liste konnte einen Roman in der Liste der Library 100 platzieren. Steinbeck hatte insgesamt zwei Einträge darin, und Hemingway sogar drei.

Der Wettbewerb um einen Platz in der Library 100 ist hart, da der Pool potenzieller Einträge Werke aus allen Epochen und von Autor*innen aller Nationalitäten umfasst, im Gegensatz zu unserer ursprünglichen Liste ausgewählter amerikanischer Autoren des 20. Jahrhunderts. Neben der Library 100 hat OCLC auch die Complete 500 zusammengestellt, die die Rangliste auf die 500 am weitesten verbreiteten Romane in Bibliotheksbeständen erweitert. Bei dieser erweiterten Liste verpassen Faulkner und Morrison (Nr. 105 und Nr. 121) knapp den Einzug in die Top 100, und die höchsten Platzierungen der übrigen Autor*innen verteilen sich auf die Plätze 162 bis 314.

Literarisches Erbe, enthüllt in Bibliotheksdaten

Für weitere Einblicke sollten Sie unbedingt den fünften Reiter in der Grafik betrachten. Dort wird eine Gesamtbewertung angezeigt, die durch Mittelung aller einzelnen Kennzahlen berechnet wird (Hemingway liegt tatsächlich an der Spitze!). Zudem gibt es eine Funktion, mit der die Gewichtung einer oder mehrerer Kennzahlen bei der Berechnung der Durchschnittsbewertung angepasst werden kann.

Ist Hemingway also der berühmteste amerikanische Autor des 20. Jahrhunderts, wie die ursprüngliche Rangliste von The Economist nahelegt?

Hemingway genießt in der Tat in vielerlei Hinsicht hohes Ansehen. Allerdings verleihen die Bibliotheksdaten der Frage, ob Hemingway der berühmteste ist, mehr Nuancen.

Wie wir gesehen haben, verfügt Hemingway unter den betrachteten Autor*innen über die weltweit größte Anzahl an Bibliotheksbeständen seiner Werke, was die ursprüngliche Schlussfolgerung von The Economist, dass Hemingway der berühmteste ist, untermauert. Der Bibliotheksbestand an Werken eines Autors/einer Autorin spiegelt dessen anhaltende Beliebtheit über die Zeit wider. Die Anzahl der Bibliotheksbestände ist ein Zeichen für den anhaltenden Wert der Aufbewahrung der Werke eines Autors/einer Autorin in zeitgenössischen Bibliotheksbeständen – je mehr Bibliotheken diese Wahl treffen, desto mehr wird die anhaltende Relevanz eines Autors/einer Autorin bestätigt.

Diese Kennzahl stellt jedoch nur eine Dimension der literarischen Bedeutung dar. Der Bestand an Werken über einen Autor/eine Autorin zeugt von einem tiefgreifenden kulturellen Einfluss und wissenschaftlichen Engagement – gemessen daran ist William Faulkner der berühmteste in der Gruppe. Die Rangliste der Library 100 hingegen stellt Hemingways Werke und die der anderen amerikanischen Autor*innen des 20. Jahrhunderts in einen viel breiteren zeitlichen und geografischen Kontext. Hier steht F. Scott Fitzgerald an der Spitze der Gruppe mit dem höchsten Eintrag in dieser Liste, da er der Autor des Werkes ist, das unter allen Werken dieser Gruppe amerikanischer Autoren des 20. Jahrhunderts am häufigsten in weltweiten Bibliotheksbeständen erscheint.

Jede dieser Kennzahlen ist für sich genommen wichtig und bietet einen ganz eigenen Einblick in das Vermächtnis eines Autors/einer Autorin. Als Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe zeugen sie insgesamt vom Reichtum von WorldCat im Besonderen und von Bibliotheksdaten im Allgemeinen.


Empfohlene Zitierung

Lavoie, Brian. 2026. Die Bedeutung von Ernest Hemingway: Messung der literarischen Popularität und Wirkung anhand von WorldCat-Daten. Dublin, OH: OCLC Research. https://doi.org/10.25333/kmgy-c621